Schreiben mit Kind – Ein Erfahrungsbericht TEIL II

Desillusioniert. Nicht komplett, aber mehr als ein wenig. Nach über einem Jahr des Schreibens mit Kind bzw. der Schreibversuche, der immer erneuten Anläufe muss ich das eingestehen. Ein bisschen Text geht hier und da noch, insgesamt hat sich nach fast 13 Monaten aber vor allem vieles angestaut. Manchmal könnte ich heulen, verzweifeln, weil es manchmal kaum zu ertragen ist. Alle Impulse schlucken, reagieren, funktionieren, sich selbst radikal zurücknehmen. Aber: So ist das, klar. Care-Arbeit fordert. 12 – 16 Stunden 7 Tage die Woche. Plus Selbständigkeit. Die eigentlich den gleichen Arbeitsaufwand erfordern täte. Macht irgendwann vollendete Überlastung, auch klar. Zu Beginn startet es sich ja immer hoffnungsfroh. Heute staune ich über meine Ausdauer in den ersten Monaten. Aber die Widerstände. Die ständige Konfrontation damit. Irgendwann kippt das. Natürlich muss man wachsen, daran, über sich hinaus, dauernd am besten, immer wieder aufstehen, auch wenn man kaum geschlafen hat und den Stein rollen. Aber dann ist man irgendwann so übermüdet und überarbeitet, dass jegliche Lust dazu vergangen ist. Weil es gibt keine Pause, nie und mitten in diesem ewigen Weiter muss ich nun eine Situation schaffen, in der ich wieder ich sagen kann. Weil ich will wieder ich sagen können und dürfen will, dürfen muss, und dabei trotzdem Mutter sein, ich bin gerne Mutter, aber auch gerne ich. Es braucht Ausgleich.

Care-Arbeit ist und bleibt Frauensache, solange Frau nicht mehr als der Partner verdient und darum dringend zurück in die Vollzeit muss. Eine Sache, die ich ebenfalls gelernt habe. Nichts gegen meinen Mann. Aber seltsam sich plötzlich in so einer Rolle/sich in solchen Rollen vorzufinden. Für manche bleiben die auch ohne Gehältererwägungen selbstverständlich. Weil die Frau sich ums Kind kümmert und der Mann sich um die Frau. Einer der vielen Sprüche, die ich in den letzten Monaten zu hören bekam. Über mich ergehen lassen musste. Tja, die Lebenshaltungskosten kosten. Da kommt man auch mit dem Höchstsatz des Elterngeldes nicht weit. Zumindest in Berlin-Kreuzberg. Wäre auch alles halb so wild, weil temporär, wenn nicht ständig irgendwelche Menschen den Muttifinger zeigen würden. Weil sie in der Mutti den Archetyp des Fußabtreters erblicken. Oder sowas ähnliches. Besonders junge Frauen haben teils große Angst vor diesem Archetyp. Eingeredet bekommen. Der natürlich nicht existiert. Schwachsinnskategoriegefasel. Jede Frau ist eine andere Mutter wie sie ein anderer Mensch ist als ein anderer. Aber das ist natürlich unglaubwürdig und zu kompliziert. Vereinfachen, bitte, alles. Damit die Welt übersichtlich bleibt und die eigene Omnipotenz in der Hosentasche.

Und sonst? Frauen bleiben weniger wert als Männer. Egal wer wie in welcher Rolle unterwegs. Das bekomme ich als Mutti zu spüren. (Mutti = ein Sammelbegriff Stammelbegriff, der im Grunde bloß alles Weibliche bezeichnen sollte, das mindestens einen neuen Menschen gebaut und zur Welt gebracht hat.) Als Mutti ist Frau raus. Aus dem Gesellschaftsspiel. Bitte am Rand warten oder am Ausgang. Weil als Mutti soll Frau gefälligst Mutti sein. Sich ums Kind kümmern. Nicht mehr um sich. Höchstens so ein bisschen. Mal baden. 15 Minuten die Beine hoch mit Buchaufschlag. Wie in irgendeiner Soap. Muttis sind Frauen letzter Kaste. Als Frau ist man ja sowieso schon weniger kompetent, weniger intelligent, weniger allgemein. Als Mutti ist Frau dann Unterschicht-Frau. Aber bitte eine sich gesund ernährende, auf die Figur achtende, sich um alles Verkümmernde. Den Glauben an eine zunehmend frauenfreundliche Gesellschaft habe ich in den letzten Monaten verloren. Kein Wunder, dass wir das mit der Achtung vor der Natur nicht hinbekommen. Das Klima bleibt scheiße bis Mütter mal in der Mitte der Gesellschaft ankommen. Behaupte ich. Auch wenn jede Generation von Feministinnen da irgendwelche Durchbrüche geschafft haben will. Das waren Blindgänger Blinddärme. Der alte Organismus tickt wie eh und je.

Geboren zu sein, begreifen viele als Selbstverständlichkeit, habe ich außerdem gelernt. Kein Wunder, dass so keine Achtung vor dem Leben Schrägstrich dem Planeten aufkommt. Das kann doch nicht immer so weiter eiter. Warum sind wir Frauen da so unsolidarisch? Überhaupt so unsolidarisch? Die Lücken ausnutzend, die andere Frauen (hinter-)lassen, während Männer wesentlich kollegialer Karriere machen, sich nach Jahrtausenden der Hierarchiepraktiken nicht mehr so die Ellbogen verrenken wie wir. Mann, Frau!

Als Mutti ist die Karriere vorbei. Lernt Frau als Mutti. Oder soll sie lernen. Da tut jede/r gerne, als sei das anders anders, aber aber. Ein Kind, nun gut, das lässt sich eventuell noch wuppen, aber mehr. Geht nicht. Ist doch auch Quatsch. Als Mutti soll Frau schließlich Mutti sein. Selbst schuld. Halt verhüten. Berufstätige Mutti klingt immer noch wie Hexe. Gibt darum auch kaum Förderungen, Stipendien, Jobeinstiegserleichterung, Preise für Muttis. Weil Mutti ist Frau ja nebenbei, Nebenjob, unbezahlt. Mit links meistert sie dabei das Berufsleben. Taff. Immer 120 prozentig, die Frisur sitzt sitzt.

Ich merke mehr und mehr mehr mehr: Zum Thema Mutti gibt`s Fortsetzungsromanpotential. Mein neues Thema, endlich ist es bei mir in der Mitte angekommen. Mit etlichen Unterüberschriften. Darunter: Männer und Kinder. BROCKHAUS. Die Rücksicht der Väter. Väter, die unterschätzte Spezies. Dazu: Opas Schrägstrich Männer ab 70. Stories ohne Ende. Spricht manche Oma bei der Begegnung mit einem Laut gebenden Baby in Einkaufsmarkt und auf offener Straße gerne ein PSCHT PSSSST oder WAS HAT ES DENN WAS HAST DU DENN KLEINES über den Kopf der Mutter hinweg, spricht Opa Sätze wie Bloß nicht lachen oder Mach Randale, genau, das ist richtig. (Oder dies nur die Spezies der Kreuzberger Opas?) Fragen über Fragen. Um Antworten mag ich in so manchem Text gerne bald ringen. Bisschen was gibt`s schon in „Der Frau“, ein Text zu dem ich momentan kurze Videoleseproben produziere.

Jaja, die Frau. Das Kind in mir. Die Mutter. Sie schafft. Sie wartet da draußen, da drinnen, am Schreibtisch. Schultert den Atlas. Der gern tut, als trage er. Nicht weniger als die Welt, selbstverständlich.