Besuch bei Oma, Orpheus und den Musen (Teil I )

Als Schreibende ist eine der größten Quellen der Inspiration für mich: das Reisen. Ich habe schon in vielen Ländern und auf vielen Kontinenten geschrieben. Hier auf meinem Blog möchte ich nun ein literarisches Reisetagebuch beginnen. Vielleicht zieht es die eine oder den anderen auch so gerne in die Ferne. Kommt mit.

Griechenland, Pieria. Besuch bei Oma.
Aus dem Reisetagebuch:

Das Haus ist gewachsen. Einliegerwohnung (Einsiedler Auswanderer). Wände mit Kunstdrucken von Kandinsky, Miró, Hadjikyriakos-Ghika. Eine Schale mit frisch gepflückten Feigen auf dem Tisch. Eine mit Trauben. Wenn Cézanne das sehen könnte. Ein Stück die Straße hoch liegt Orpheus – der Sage nach begraben. Wir fahren hin, in der Mittagshitze. Eine silberne Schlange huscht über die Straße. Wir steigen nicht aus. Heute nicht. Air Conditioning. Wilde Katzen. Neun an der Zahl. Die Rücken des Olymps scharf umrissen. Hoffen auf die Briefwahl in Deutschland. Unten am Strand liegt die Welt ausgeklinkt, ausgelinkt hat sie sich (like like like). Der Barkeeper bringt Frappé und Wasser auf Eis. Mythos-Werbung auf dem Eiskübel (bescheuertes Wort, bescheuerte Touriinszenierung – oder doch bloß praktisch?) Ich lege das Fläschen meiner Tochter dazu. Nachsaison, verwaiste Liegen. Ein Stück den Strand runter schon gestapelt. Sich zum Nichtstun aufraffen. Schwimmen. Das Panorama des Olymps. Vom Wasser aus fast unerträglich schön. Zum Glück Gründe an Land zu gehen. Nicht nur das Mittelmeer selbst. Dort das Mittel Meer wirken lassen. Ganzheitliches Medikament. Über die Haut aufgenommen. Einsehen: Die Komplikation Zivilisation beginnt bei der Bademode. (Oder doch schon beim Landgang?) Fragen mit Frappé runtertrinken. Mit Milch und Zucker. Eine Wespe verirrt sich später ein letztes Mal. Aber da sind die Sachen schon gepackt, die Handtücher unter den Arm geklemmt, das Kind geschultert. Der Sitz der Götter im Abendlicht. Am Morgen wird der Mond darüber stehen. Zuhause am Berghang warten die Musen bereits. Meerluft macht hungrig. Der gemauerte Grill qualmt. Davor die kühle Fläche des Pools. Die griechischen Nachbarn haben Granatäpfel vorbeigebracht. Sie hatten 30 Jahre lang eine Schneiderei in Wuppertal. Duschen unter freiem Himmel. In ein riesengroßes Handtuch mit Weinlaubborte gewickelt auf dem Pflasterweg stehen. Die heimkehrenden Krähen beobachten.

Auszug aus dem Gedicht Orpheus` Beach Bar:
(…)
Er schlürft Gesang hinunter
mit Hochprozentigem
und Vitamin C-haltigem Saft
Jupiter (was will der hier) hat sich neben dem Vollmond aufgebaut
aus den Boxen Folklore
mit Beat
Klatschen der Wellen
in der nahenden Dunkelheit
Barkeeper mit schwarzer Maske
neonfarbenes Shirt
reicht durchs Zwielicht Wünsche
im Rücken des Olymps
oder vor seinen Augen
je nachdem, was das Glas sagt, heut
tagsüber Liegestuhlreihen auf Sand
Glück, wenn die Sprache des Nachbarn unverständlich
beim Wiederfinden der Stimme.

So viele Eindrücke und Stimmungen auf Reisen. Die vorüberziehen, notiert man sie nicht unmittelbar, fängt etwas ein, hebt etwas auf. Was trotzdem meist in Schubladen verschwindet, weil es in kein Projekt wirklich hineinpasst. Dabei sind gerade die Eindrücke unterwegs etwas, das einen voran bringt – wenn auch unbewusst. Hier noch ein kleiner Eindruck, mit spürbarer Corona-Entlastung (Auszug aus einem Gedichtfragment, notiert am Fuße des Olymps):

(…)
Bergwasserwelten
die alten
Steine / Gebeine
im Reinen neu mit sich
mit wem sonst
das Meer
immer noch da
und das Eigentliche
immer noch nah
(…)

So, das war der erste Streich. Wie war der Ausflug? Wäre doch schade gewesen, diesen Artikel nicht gelesen zu haben, oder? 😉