Plot is a lot

Plot is a lot. Plot ist auch Los. Plot ist auch Tölpel. Als Pilot einsteigen in die Handlung. Was fliegt auf. Welche Strukturen werden sichtbar beim Zurücktreten, einen Schritt, drei, zehn, Abstand herstellen, Abstand gewinnen. Warum heißt es „Abstand gewinnen“? Ist da so viel Widerstand, Beeinträchtigendes immer? Da ist ein Strang, bei jeder Handlung. Vermeintlich. Wenn ich beim Schreiben zurücktrete, um eine Situation zu überblicken, Charaktere bis ins Innerste kennenzulernen. Da ist ein Strang, auf den ich mich konzentrieren muss, um mich vorwärts, rückwärts, entlang zu tasten am Geschehen, am Verstehen. Aber je konsequenter ich zurücktrete und die Handlung betrachte, desto deutlich wird die Vielzahl der Handlungen, der Stränge, der Verstrickungen. Nichts davon ist linear. Es ist ein komplexes Flechtwerk. Lineare, evolutionistische Konzepte von Zeit und Raum werden ausgehebelt, als naive Geländer sichtbar. Beim Schreiben trete ich aus der Zeit und aus dem Raum – erstmal nur der Gegenwart.

Ich trete zurück – hier ist es, auch wenn die Richtung fraglich ist, hilfreich vom „Zurücktreten“ zu sprechen, da wir beim Betrachten von großen Gegenständen, oder bspw. großen Bildern die Praxis des Zurücktretens gewohnt sind, um zu Überblicken. Wobei es auch möglich wäre, eine Plattform oder einen Berg zu erklimmen, um einen Überblick zu haben. Im Wasser verhält es sich anders, da ist ein Abtauchen und Schauen unter die Oberfläche notwendig, das Durchschwimmen, dazu das Bewegen und Blicken in alle Richtungen anders möglich. Wenn ich schreibe, bewege ich mich im Element Sprache. Dort gibt es viel mehr Möglichkeiten einen Gegenstand zu sehen, als an der Luft oder im Wasser. Ich weiß nicht, ob die Möglichkeiten der Sprache unbegrenzt und unendlich sind. Ich weiß nur dass ich, je länger und je mehr ich schreibe, Plot als etwas immer Komplexeres sehe und momentan nicht mehr sicher bin, ob Plot überhaupt existiert. Er ist aber auch nicht tot. Sprache ist Aktion. In jedem Wort steckt Handlung, Bewegung, Bewegtheit. Sprache atmet uns, möchte ich schreiben. Auch wenn wir etwas nicht laut aussprechen. Da ist dieser Dialog, den wir unser Leben lang mit uns selbst führen. Das Denken. Der Stream of Consciousness. Der Bewusstseinsstrom, der Strom des Unbewussten.

Das All ins uns, und doch nicht, denn die Grenzen unseres Denkens und unserer Sprache sind ja das Interessante. Die Überlappungen, Überschneidungen mit anderen Denkmustern, die neu und fremd sind, das Übersetzen, Übertragen, das dadurch stattfindet, das Erkennen. Jetzt möchte ich jedoch gar nicht an etwas Allgemeingültigem herumüberlegen und in dieses Alles und Nichts abdriften, sondern beim Schreiben bleiben. Es stimmt nicht, dass alles schon geschrieben und gedacht ist und es darauf ankommt es selbst zu denken und zu schreiben. Das Eigene ist ja eben darum das Wesentliche und da, weil dieses „alles schon gewesen“ ein Widerspruch in sich ist. Jede Zeit, damit auch das kollektive Bewusstsein, unsere Schwarmintelligenz im kreativsten Sinne, befähigt uns zu noch nie Dagewesenem. Gleichzeitig ist auch der künstlerische Kosmos Schrägstrich der Kosmos des Schreibens einer, in dem sich zu jeder Zeit Unerhörtes, Visionäres, Futuristisches finden lässt. Bildnerisch muss ich da z.B. sofort an Hieronymus Bosch denken, ein fast plakatives Beispiel. Und: Die Matrix, ja, ja.

Als Menschen sind wir Gesetzmäßigkeiten gewohnt wie Schwerkraft. Diese Gesetzmäßigkeiten existieren beim Schreiben nicht, beim Denken, im künstlerischen Kosmos. Und so wird es mit dem Plot auch immer komplizierter. Schreibend trete ich hinaus, hinein, wie auch immer es mit den Richtungen verhält, in etwas unüberblickbar Großes. Wie bei der Meditation. Aber Schreiben ist nichts von Erdenschwere losgelöstes, sondern fleischlich, körperlich, sinnlich. Der Kosmos unseres Körpers, unseres Empfindens stellt da aber auch keinen Widerspruch dar. Weil der Kosmos, wie das Schreiben offenbart, ein sinnlicher sein muss, ist. Das Universum ist sinnlich. Dieser Kosmoskörper. Dieser Textkörper. Bis in den kleinsten Winkel angefüllt mit Sinnesrezeptoren. Da ist Kälte, das ist Leere. Aber wie soll Potential ohne Leere existieren, auch ohne Kälte? Denken ist sinnlich. Besinnung, auf seine Weise. Schreiben ist ein Denken, das mir passiert. Weil der Text immer mehr weiß, als ich. Aber da ich Text bin, ist das vielleicht so etwas wie natürlich. Alles wohnt in den Sprachen. Und Verwirrung braucht es, um zu verstehen – wie spätestens seit biblischen Zeiten notiert. Notizen, diese. Von lat. noscere kennenlernen, erkennen.

Doch zurück zum Plot. Plot is a lot. Eine Menge. Eine bestimmte. Eine unbestimmte. Polt ist viel. Und ein Grundstück. Auf dem du dein Haus bauen kannst. Oder etwas anderes. Oder das du belassen kannst, wie es ist. Vielleicht nur betrachten. Vielleicht ist das auch zu öde. Oft ist mir Plot so oder so zu öde. Momentan. Vielleicht jetzt immer. Ich könnte nie ein Buch schreiben, um der Handlung willen. Oder allein um der Handlung willens. Darum geht es beim Schreiben nicht. Darum kann es ganz automatisch nicht gehen, weil die Sprache so oder so für sich spricht. Beim Plotten mit Plotter geht es ums Herstellen einer grafischen Darstellung, möglicherweise eines Schriftzugs. Genau wie ein Plot eine grafische Darstellung von Verhältnissen, Situationen, Charakteren ist, um lesend zu erkennen, gut kenntlich die grafische Darstellung der Ereignisse zu lesen.

Diese Klarheit der grafischen Darstellung ist großartig. Texte, die mich interessieren sind wie konstruktivistische Collagen. Oder surreale oder dadaistische. Und genau hier, beim Nachdenken darüber, in welcher Form mich Sprache interessiert, wenn ich sie als bildnerische Kunstrichtung denke, wird mir klar, wie sehr die grafische Klarheit für mich all der anderen Kunststile bedarf. Schön und gut, einen Text mit Fluchtpunkt zu lesen, aber die Überlappung, mit dieser Art Brut, dieser Assemblage, diese Radierung von Beschreibung im Kontrast zu diesem Action gepaintetem Pain von Beziehungskonstellation – sehr reizvoll. Sprache als Material kann so viel. Plot macht mich fertig.

Darum suche ich ihn in der Plotlosigkeit der Lyrik, vorzugsweise momentan im Langgedicht, das bei mir auch episch ist. Aber die Handlung ist nicht eine durch Personen bestimmte. (Wo es sich nun einiges über Stimmen, Sagen, Sprechen, Bestimmung texten ließe). Die Sprache selbst handelt. Sie schöpft aus sich selbst. Das erzählt sie mir, das erzählt mir das Schreiben über das Leben, das Existieren. Sprache, diese dunkle Materie, schöpft aus sich selbst. Ich beobachte sie schreibend, bin Griffel, begreife, bin auch begriffsstutzig – wundere mich, wie selbst in einer Sprache alles vorhanden sein kann, was ich brauche (um Sinn und Unsinn zu stiften).

Schreiben ist mein Plot, mein Handlungsgerüst. Hier hangele ich mich herum, baue, klaue, schaue, verdaue und vertraue. Jetzt wäre die Frage, was für ein Handlungsgerüst Sprache ist. Die ich mir nicht vorstelle wie ein Baugerüst, ein Skelett, einen Kletterwald. Vielleicht am ehesten wie einen Kletterwald, im übertragenen Sinne. Das Handlungsgerüst Sprache verändert sich für mich mit jedem Wort und genau das, löst bei mir diese unstillbare Sucht und Lust zu Schreiben aus. Ich bin verrückt nach ihr und wäre verrückt ohne sie – wobei schon hier packt sich mich wieder unerwartet und schiebt das „verrückt“ hin und her und verrückt mich und entzückt mich. Und pflückt mich, pflügt mich, beflügelt

 

Abbildungen: Textkunst von mir. Mehr auf: studiovictoriahohmann.de

1 ausschnitt: dis_appearance, textbody, typewriter on paper, 2021, victoria hohmann

2 o.t., textkunst, bleistift auf pappe, 2021, victoria hohmann

3 portrait of the artist as a young woman, text portrait, typewriter on paper, 2019, victoria hohmann

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9: Beitragsbild: Ausschnitt: thought, 2020, typewriter on paper, victoria hohmann