Schreiben mit Kind – ein Erfahrungsbericht

Schreiben mit Kind – wie ist das eigentlich? Das habe ich mich früher gelegentlich gefragt. Als bei mir dann die Lust keimte, das Mutter-Sein zu probieren, tauchten natürlich etliche Erfahrungsberichte im Netz auf. Wie das so ist: Erwacht das Interesse, schwupps, sieht man nichts anderes mehr. Besonders die vielfach in Beiträgen geschilderte Erfahrung, mit Kind nicht mehr beim Schreiben herumzutrödeln/im Internet zu surfen etc., sondern viel konzentrierter zu arbeiten, jedes Zeitfenster nutzend, kann ich bestätigen. Klar, das klappt nicht immer, weil ich manchmal auch zu müde bin und mir lieber eine heiße Schokolade genehmige – aber meistens schon. So auf den Punkt hin habe ich zuletzt während meines Studiums geschrieben, als ich mir meine Schreibzeit auch mühsam zusammenklauben musste. Diese Konzentration erfordert ein hohes Maß an Disziplin, ja, aber das fällt mir nicht schwer, da ich generell sehr diszipliniert arbeite. Dabei tut mir Druck – solange der nicht überhand nimmt – sogar gut. So kommt es, dass ich, obwohl mir momentan (meine Tochter ist mittlerweile ein halbes Jahr alt) wesentlich weniger Zeit zum Schreiben insgesamt zur Verfügung steht, nicht weniger produktiv bin. Klar, in den ersten zwei/drei Monaten war das mit dem Schreiben noch schwieriger – wobei ich auch in dieser Zeit des Aneinander-Gewöhnens immer wieder Zeit für Notizen fand. Und zwar nicht krampfhaft, sondern spontan inspiriert. So viel habe ich lange nicht mehr handschriftlich festgehalten. Das hat gut getan und ich habe Notizbücher wieder für mich entdeckt. Eine willkommene Abwechslung zu meinem unbändigen Zettelsystem: meist kleben, liegen, stecken sie überall: Zettel an Wänden, auf Tischen, Bildschirmrändern, Bildschirmen selbst, Tastaturen, Regalen, Sitzgelegenheiten, in Jackentaschen, Handtaschen, Büchern, sogar in Schuhen!

Trotz Schlafmangels (immer noch hin und wieder) und sogenannter Still- Schwangerschaftsdemenz (oh du Biologie du) ist der Kopf überwiegend frei. Um ehrlich sein, finde ich es sogar ganz anregend plötzlich zu den unterschiedlichsten Tag- und Nachtzeiten zu arbeiten. Auch wenn ich nichts dagegen habe, dass mittlerweile die 4-Uhr-Schicht wieder passé ist. 😉 Die Spontanität, die ein Kind mit sich bringt, das Unvorhersehbare, gefällt mir – ist es doch das, was mich am kreativen Prozess von jeher begeistert. Mit einem Kind, dass ist wie auf Reisen sein. Ich bin nämlich kein Pauschalurlaubstyp, im Gegenteil. Ich will unterwegs sein, mich treiben lassen, nicht wissen, wo ich lande, dem Zufall Richtung und Stationen anvertrauen. Im Alltag fehlt mir das manchmal, das Freie – obwohl der Zufall auch dort am Werk ist, klar, doch leider oftmals durch Routinen abgewürgt oder unterbunden. Nicht planen zu können, herrlich! Frohlocke ich also momentan. Natürlich könnte oder kann ich mir mit Kind auch Dinge vornehmen und tue das auch – sich treiben lassen heißt ja nicht unbedingt, keine Ziele zu haben – allerdings gestaltet sich die Umsetzung garantiert anders als erwartet. So ist es, lebendig zu sein, very fein. Ich muss dazu sagen: Meine Tochter ist ein sehr entspanntes Kind. Ein Sonnenschein, nur bei Wachstumsschüben ein bisschen neben sich. Das ist natürlich auch „die halbe Miete“ – wie mir neulich ein Nachbar und mehrfacher Vater zu verstehen gab. Meine Tochter ist dazu zwar Speikind, allerdings fällt mir das Schreiben auch vollgekotzt leicht und: Uff, doch, ja, zugegeben, zum Glück verebbt das Speien trotzdem allmählich. In dieser Hinsicht ist die Pandemie übrigens eindeutig Segen: Zu Hause kotzt es sich doch schöner.

Seit der Schwangerschaft sind natürlich auch neue Themen beim Schreiben präsent. Zum Beispiel die Schwangerschaft selbst, genau. Dann logischerweise die Themen Geburt und Mutterschaft. Außerdem habe ich intensiv wie lange nicht über Abtreibung nachgedacht. Weil ich mich mit Mitte 20 selbst für einen Schwangerschaftsabbruch, wie es ja korrekter heißt, entschieden habe – und über diese Entscheidung bis heute sehr glücklich bin. Ja, das sollte eine Frau sagen dürfen. Genau wie sie sich über etliche andere Konditionierungen und Rollenbilder hinwegsetzen sollte – man muss sich das ja meist erstmal selbst erlauben. Jedenfalls: Diesem ganzen gigantischen Themenkomplex, der ja in der weiblichen Sexualität an sich wurzelt, ist ein Text entwachsen. Eine Textcollage, um genau zu sein, die das Herzstück meines neuen Textbands (der Ende des Jahres erscheinen soll) bilden soll. Ja, damit reihe ich mich wohl ein, in die momentan schier endlose Publikationsliste von Regretting Motherhood über female Lust bis hin zu erzkonservativen Mutterschaftspamphleten. Keine Sorge, mit Letzteren hat mein Text nichts gemein – allerdings auch nichts mit Erstgenanntem. Ich bin da nicht extrem. Auch kein in Schubladen denkender Mensch. Obwohl ich auch krasse Positionen nachvollziehen kann (was nicht bedeutet, dass ich sie gutheiße). Schließlich bin ich Schriftstellerin, Synonym für Menschenversteherin. Jedenfalls: Durch die schmalen täglichen Zeitfenster des Schreibens, wo es gilt sich möglichst augenblicklich in die Meditation zu versenken, wird auch die Sprache dichter. Habe ich den Eindruck. You and we will see. Andere Texte zum Thema Werden und Vergänglichkeit sollen das neue Buch komplettieren. Auch hier kann bzw. könnte ich von Verdichtung und neuen Impulsen berichten.

Noch vor zehn Jahren hatte ich meine Zweifel, ob Kind und Karriere sich je würden vereinbaren lassen. Lange Zeit konnte ich mir darum ein Leben mit Kind(ern) nicht vorstellen – allerdings habe ich auch erst mit Anfang 30 zum ersten Mal überhaupt einen Kinderwunsch verspürt. Jede Frau tickt anders, so ist das. Nun stelle ich fest: Kind und Karriere lassen sich garantiert nicht so vereinbaren, wie Frau sich das vorstellt oder gar plant. Aber was wäre wäre wäre, wenn jemals etwas nach Plan liefe. Dass Kind und Karriere sich ausschließen – dieses verdammte Paradigma sollte endlich begraben werden. Wenn der/die Partner*in supportet und der Staat für Betreuung sorgt (beides sollte selbstverständlich sein), dann – ist vieles machbar. Frauen müssen dafür nicht wie Männer werden. (Was soll das überhaupt heißen? Stereotype sind doch sowieso längst mumifizierter Museumsstaub.) Vielleicht ist das immer noch der zentrale Punkt: Frauen können nun mal Kinder kriegen. Und wenn sie Lust darauf haben, sollen sie das tun und benachteiligungsfrei tun können. Wenn Männer Kinder kriegen könnten – so meine Hebamme – würden sie permanent mit ihrem Uterus prahlen. Vielleicht hilft so eine Vorstellung auf dem langen Weg des Change. Einen Uterus zu haben ist keine Schwäche. Es macht uns Frauen nicht zerbrechlich oder angreifbar. Das ist eine alte scheiß cis HiStory, weiter nix. Weg damit. Aus dem Weg. Unsere Körper sind Wunder. Wer je eine Geburt erlebt hat, weiß: Frauen können alles, wenn sie wollen. Darum können wir es auch schaffen, einfach wir selbst zu sein. Frau zu sein. (Egal, mit welcher sexuellen Orientierung.) Und unseren Körpern die Achtung schenken, die sie verdienen. Vor allem: diese Achtung einfordern. Unsere Fruchtbarkeit als Stärke begreifen, als Potential, unsere Orgasmen feiern. Ist doch gar nicht so schwer. Oh yes.

Schreiben mit Kind, das öffnet den Muttermund (Mum Joke). Mein Schreiben hat sich dadurch verändert. Ich habe das Gefühl, endlich ganz und gar so schreiben zu können, wie ich schreiben will und insbesondere endlich auch als Frau schreiben zu können. Ja, tatsächlich. In meinen Texten habe ich bisher oft aus männlicher Perspektive erzählt. Sicherlich auch, weil ich mich noch nie eindeutig als Frau gefühlt habe und wenn ich mich jetzt geschlechtlich korrekt einordnen müsste wohl als „genderfluid“ bezeichnen würde. Aber eigentlich ist dieses Einordnen nicht mein Ding. Im künstlerischen Bereich begegnet man wenigen Personen, die ihr Geschlecht klar definieren, so meine Erfahrung. Das Androgyne und Diverse sind da sowieso Normalität. So empfinde ich aktuelle Debatten dazu manchmal übrigens als recht verknöchert und auch erstaunlich konservativ. Aber: Klammer zu und: Die weibliche Perspektive zieht nun also auch unzensiert in meine Texte ein. Hach, das tut gut. Und ich glaube, da wartet eine Menge Stoff auf mich…

Als Frau geboren zu sein, bedeutet heute leider oft immer noch: nicht als vollwertiger Mensch wahrgenommen zu werden (und sei das „nur“ die Selbstwahrnehmung). Sicherlich ein Grund, warum es mir bisher oft leichter gefallen ist, als Mann zu schreiben. Weil mir so keine Beschränkungen auferlegt waren, von meinen eigenen Konditionierungen. Männer (in so einer Welt bin ich noch groß geworden) wurde automatisch stets Kompetenz zugesprochen, egal auf welchem Gebiet. Selbst wenn sie ganz offensichtlich keine Ahnung von nichts hatten. Auf meinem beruflichen Weg bin ich als Frau darum des Öfteren abgestempelt und benachteiligt worden – und auf mein Äußeres reduziert, wie Mann das ja bei jungen Frauen gerne tat und tut. Naja. Großes Fass. Über all das gilt es von nun an zu schreiben…

Schlussworte: Wir können unsere Wahrnehmung und alle damit einhergehenden Be-/Misshandlungen nur dauerhaft verändern, wenn wir uns selbst verändern, sprich: So leben wie wir leben wollen. Einfach gesagt, jaja. Häutungen stehen an. Liebe Frauen. Vor allem ein ungezwungener Umgang mit unserer Sexualität bzw. ein offenes Kommunizieren darüber. Weil die ekelhaft verklebt ist mit Zuschreibungen. Und mit Narben. Es sind nicht nur die aktuellen Verletzungen, die uns beeinträchtigen, sondern auch längst vergangen geglaubte wie Hexenverbrennungen und das Recht der ersten Nacht. Ja. Klingt vielleicht seltsam oder pathetisch, ist aber ganz nüchtern gemeint. Ich bin überzeugt: Der Begriff Frau (und damit deren Begreifen) – da ist richtig viel zu tun. Auch weil Frauen, die sich als Feminstinnen bezeichnen, weil sie Männern Dildos in den Hintern rammen, meiner Meinung nach auch bloß Klischees nachbeten und wenig Vagina beweisen. Auch ein großes Fass. Überall stehen sie, diese Fässer. Los, öffnen wir sie. Ja, die gute Hoffnung ist auch darunter. Und: Ja, schreiben gilt auch (aber keine Bleiförmchennarrative bitte). Ja, ich hoffe auch sehr, dass ich was beitragen kann.