Dänisches Diary

Meine Tochter kotzt. Schon das vierte Mal diese Nacht. Früher haben die Eltern die Hotelzimmer vollgekotzt, allerdings aus ganz anderen Gründen. Das also ist Familienurlaub. Unser erster Richtiger. Meine Tochter hat ein Mitbringsel aus der Kita dabei. Wie jede zweite Woche seit einem halben Jahr. Darum meistern die Eltern nächtliches Kotzen schon ganz souverän, auch nächtliches Fieber oder fiebern oder kotzen gleich mit. In dieser Nacht sind wir standhaft. Waschen sogar die Handtücher mit Duschgel aus. Am Morgen werden wir ein Please tidy up-Schild an die Tür hängen. Manchmal braucht es erstmal Kochwäsche für einen Neustart.

Odense, Dänemark. Auch nach 3h Schlaf eine hübsche Stadt. Alte und aktuelle Architektur verschmelzen zu etwas Stimmigen. Ein guter Ausgangspunkt für eine Reise. Nachdem alle Apotheken uns abgewiesen haben, da Medikamente für Kinder unter 2 Jahren verschreibungspflichtig sind, selbst bei einem Schnupfen, alle Arztpraxen geschlossen oder gerade an einen neuen Standort umgezogen, dazu der ärztliche Notdienst erst ab nachmittags aktiv, beschließen wir den Freitag wie geplant im neuen H. C. Andersen Hus zu verbringen, der Attraktion der Stadt. Das H.C. Andersen Hus, fertiggestellt 2021, ist ein architektonisch visionäres Museum aus viel Glas, Holz und Begrünungsfinesse, konstruiert von einem japanischen Stararchitekten.

Es wächst aus Hans Christian Andersens Geburtshaus heraus und bildet eine Art Erlebnisraum für dessen Märchen für Menschen jeden Alters. 12 Installationskünstler:innen haben die Märchen zum Leben erweckt. Meine Tochter interessiert das nicht besonders, sie kennt schließlich noch keins davon, begeistert sich aber für ihre Mutter in einer augmented Reality Installation, die der auf einem Bildschirm in Spiegel-Look bei schrägen Bewegungen schräge kaiserliche Kleidung auf den Leib projiziert. Außerdem rennt Tochter gerne durch die weitläufigen Räume, bringt internationale Großeltern zum Lächeln und vergisst dabei die Nacht. Ihre Eltern finden das auf eine Weise gut. Herausforderung bleibt, irgendwie gleichzeitig mit dem Audioguide umzugehen, ohne den die interaktive Ausstellungkonzeption nicht funktioniert. Trotzdem nehmen wir viel mit, nicht nur ein Märchenbuch. Besonders ist die Erkenntnis wie die kleine Meerjungfrau, des Kaisers neue Kleider, die Prinzessin auf der Erbse, der tapfere Zinnsoldat, der Teetopf, das hässliche Entlein uns fast unbemerkt seit unserer Kindheit begleiten. Narrative, die es sich lohnt, neu und gründlich anzuschauen. Am Abend finde ich – wie kann es andersen sein (Mum Joke) – Medikamente für meine Tochter gegen Übelkeit & Erbrechen in der Reiseapotheke. Ich erinnere mich jetzt auch wieder, sie eingepackt zu haben. Der Urlaub hat begonnen.

Wir sind in Djursland. Laut diverser Reisebroschüren „der wildeste Teil Dänemarks“. „Wild“ ist natürlich immer Definitionssache, in diesem Fall besonders, aber Djursland so oder so wunderschön. Wir wohnen im Naturschutzgebiet in einem kleinen Häuschen mit Reetdach und Meerblick. Ich gewöhne mich sofort daran. Die Küste ist so malerisch und hier (tatsächlich!) wild, dass ich das Fotografieren sofort aufgebe. Einmal essen wir einen dänischen Hotdog am Leuchtturm vor Ort, aber selbst das Profane der Remoulade bereichert die Gegend nur. Im Inland erstreckt sich eine Hügellandschaft mit vielen Aussichtshöhen, Hügelgräbern, Dolmen, Wildblumenwiesen, erntereifen Feldern, Miniaturortschaften und waldigen Mulden. Gesäumt von Sandstränden mit Heide oder Steinstränden mit weißen Felsen, Kiefern und blühenden Wildrosen (deren Duft man hier tatsächlich riecht). An den Sträßchen der Ortschaften stehen hier und da kleine Auslagen mit bepreisten Flohmarktartikeln und einer rostigen Geldkassette anbei oder es werden Erdbeeren und Kartoffeln vom Privatanbau angeboten. Der immer wieder einsetzende Regen macht leider manches unzugänglich. Dafür lerne ich, dass man unter einem Reetdach keinen Regen hört. (Dazu werde ich vielleicht eines Tages einen Haiku schreiben.) Den Hügelgräbern und Dolmen lassen wir trotzdem keine Ruhe, weil sie mir auch nicht. Die prähistorische Archäologin in mir ist zu enthusiastisch. Bei Wind und Wetter, ab und an auch bei strahlendem Sonnenschein, mit Kinderwagen, ohne, wieder mit, auf abrupt endenden Feldwegen, die Tochter abwechselnd tragend, mit Leckereien lockend, neben Wanderpfade pinkelnd, alle halbe Stunde vom hochgekrempelten Pullover gar T-Shirt zu Ölzeug und Kapuze wechselnd und zurück, auf Feldwegen lieber gar nicht erst mit dem Auto wendend, auf ein schlichtes Rückwärts oder Vorwärts setzend, Google Maps immer wieder vertrauen lernend – so nähern wir uns Bronze- und Jungsteinzeit.

Nachmittags lässt sich danach kaum feststellen, ob die Nasenrötungen auf Sonnenbrand oder Frost und Schnupfen gründen – es ist auch egal, weil wir dann wieder im 21.Jahrhundert sind und es Kaffee gibt, heiße Milch und dänisches Gebäck, dazu Lakritz für die Großen. Am Abend fallen wir sauerstoffgekeulte Städter die steile Treppe in die obere Etage unters Reetdach hoch, klappen das schwere weiß lasierte Brett der Dachbodenluke zu und machen es uns vor dem Meer und hinter den Heckenrosen gemütlich.

Zwei Mal verlassen wir das Naturschutzgebiet für Sightseeing. Es würde uns schwer fallen, würde es uns das Wetter nicht leichter machen. Einmal sehen wir so das angeblich kleinste Rathaus der Welt, wo Fotos von dort einst im Keller Eingesperrten die Problematik von Diversität über die Jahrhunderte insbesondere im Kleinstbürgerglichen sauerst aufstoßen lassen. Mit Glockenschlag Zwölfuhr verlassen wir dieses Rathaus. Ein seltsamer Moment, um auf einen Platz zu treten. Vor einer Kneipe in der Nähe parken Rollatoren, aus dem Innenraum dröhnt 80er-Jahre Popmusik. Es ist zehn nach Zwölf. Es zieht uns nicht ins Glasmuseum der Stadt, nicht in die zu einem Museum umgewandelte Fregatte im Hafen. Wir kaufen stattdessen noch ein paar Lebensmittel und kehren der Zivilisation wieder den Rücken, den zugebauten Hängen – wie schwarze, vollgesogene Zecken kleben die Holzhäuser hier an der Küste – den deutschen Touristen mit Frakturschriftshirts. Schnell wieder ins Idyll mit Aussicht, mit Abstand haltenden Teslas, hyggeligen Nackenkissen.

 

 

 

 

 

 

 

Der zweite Ausflug führt uns nach Aarhus, das wir bereits ein wenig von der Anreise kennen. Seit Langem schon will ich das Kunstmuseum dort besuchen. Es übertrifft meine Erwartungen. Begeistert selbst meine Tochter auf jeder Etage. Das schafft nur ein Museum, das auf seiner Webseite schreibt: „Kunst betrachten nämlich ähnelt dem Stehen auf einem Trampolin“. Das ARoS zählt zu den „20 wichtigsten Kunstmuseen“ der Welt. Berechtigt. Hier zahlt man selbst die üblichen 6,50 Euro für einen Cappuccino lächelnd – bei allem anderen schauen wir schon längst nicht mehr auf die Preise, sowieso alles Kronen.

Aarhus möchte uns so schnell eigentlich nicht mehr loslassen. Es ist sogar Art Weekend. Wir laufen sogar aus Versehen in die Kunstakademie rein. Eine Lehrerin dort führt uns sogar spontan durch eine Ausstellung. Sie kommt aus Japan. Die Liebe hat sie nach Dänemark geführt. (Das ist also diese Japan-Dänemark-Connection hier überall.) Und das verstehen wir sofort. Wir haben keine Lust zu gehen, aber das Auto wartet. Wie das so ist, im Leben. Die Eingabe des abfotografierten Nummernschild am Parkscheinautomaten schon Routine. Zivilisation ist nur was für Menschen mit Smartphone. Wir sind welche, so sehr ich dazu manchmal keinen Bock mehr habe. Ich starte den Automatik. Boardcomputer on. Bombardement überflüssiger Informationen. Noch einmal Luft holen, dann Drive-Modus. Es fährt uns. Noch ein bisschen durchatmen, in einer der letzten Wildnissen hier. Djursland, das Ostfriesland Dänemarks. Noch ein paar Tage dumm und auf Durchzug stellen, tun, als wisse man kaum, als ahne man wenig. Die Deutsche Bahn empfängt uns an der Grenze noch früh genug.

Vikingeskib i horisonten