
In den „Sozialen“ Medien gibt es momentan den Trend eines Rückblicks auf das Jahr 2016. Was war vor 10 Jahren los? Persönlich, gesellschaftspolitisch? Ich bin vor 10 Jahren einen Teil der Ostküste der USA entlanggereist, gemeinsam mit meinem Partner. Wir wollten die USA bewusst nochmal vor Trump erleben. Auch, wenn wir uns dessen Wahl zum Präsidenten nicht so richtig vorstellen konnten. Was sich jedoch an vielen Orten der Ostküste änderte, vor allem in Maine. Dort hatte ich manchmal fast Angst. Dort brodelte es. Fremdenfeindlichkeit oder zumindest ein spürbarer Argwohn gegen Nicht-Locals lag in der Luft. Dazu kam das irritierende Wahl-Merch. Wir versuchten es uns mit Konterfei von Angela Merkel vorzustellen. Kaum möglich. Auch die Armut in den USA schockierte uns. Wie heruntergekommen viele Ortschaften waren. Oft waren wir erleichtert, dass wir einfach durchfahren konnten. Anzuhalten und auszusteigen, bei dazu potentiell bewaffneten Einwohner:innen, erschien uns wenig verlockend.

2016 war ich noch Masterstudentin der Kunstgeschichte. Besuchte im ersten Halbjahr zwei letzte Seminare, eins über Künstlerbücher und eins in meinem Komplementärfach Germanistik über Bildbeschreibung. Hier entdeckte ich den Autor & Lyriker Thomas Kling, ein Weckruf. In der Kunstgeschichte suchte ich, parallel zu meiner allmählich endenden Zeit als HiWi an der Forschungsstelle „Entartete Kunst“ und als Deutschlandstipendiatin nach einem Thema für meine Masterarbeit. Ein Seminar über vergessene weibliche Künstlerinnen hatte mich im Jahr zuvor gepackt und ich entschied mich zur Forschung über die Malerin und Friedensaktivistin Annot Jacobi. Stück für Stück musste ich die Informationen in Archiven zusammensammeln und zusammenpuzzeln. Ende 1933/Anfang 1934 floh Annot mit ihrer Familie vor dem NS-Regime nach New York.

Auf meiner USA-Reise nun, konnte ich praktischerweise einen kurzen Forschungs-Stopp in Harvard einlegen. Dort entdeckte ich wichtige Dokumente von ihr und konnte in der Nähe Bostons einen ehemaligen Wohnort ausfindig machen. Die Abgabe der Masterarbeit war zum Jahresende angesetzt. Ich bewegte mich 2016 also in den Bahnen der akademischen Elite, mein Portemonnaie platzte aus den Nähten vor Bibliotheksausweisen, schüttelte Hände, buchte Vortragsreisen für meine Vorgesetzten, unterstütze bei Recherchen, auch für Publikationen.
Den Unterschied zwischen „unabhängigen Verlagen“ und „Konzernverlagen“ kannte ich noch nicht. Im Herbst machte ich ein Praktikum in einem renommierten kunstwissenschaftlichen Verlag, wo man mir als Lektorin sofort viel Verantwortung übertrug. Bezahlt wurde ich mit Bildbänden zu Ausstellungen und Forschungsprojekten.

An der Oberfläche schien alles im Flow, aber in mir sah es anders aus. Ich fühlte mich fremdbestimmt. Abgekommen vom Herzensweg als Schreibende und Künstlerin. Sieben Jahre hatte ich mich nach meiner Zeit im Bereich der darstellenden Kunst durch ein Studium gearbeitet, um einen Brotjob zu lernen. Vernünftig sein, lautete mein Motto, den Platz im System finden. Das Resultat waren Depressionen, Panikattacken und Essstörungen. Ich hielt dagegen mit Hypnose, Rad statt Öffis, Qi Gong und ließ eine Magenspiegelung machen, Diagnose: Reizmagen.
Anfang des Jahres hatte ich im Hinterhaus meines Wohnhauses eine Abbruchwohnung anmieten können, aus der ein Mietnomade zwangsgeräumt worden war. Ich kümmerte mich um den Abtransport des Sperrmülls, legte in der „Küche“, die zur „Textküche“ wurde, erstmal provisorisch ein Brett über das Loch im Boden und wärmte mich vor dem Ofen. Der eigentliche Raum der Wohnung wurde zu meinem Atelier. Ohne diesen neuen Raum, der mir ein neuer „Lebensraum“ war, hätte ich 2016 wahrscheinlich schlecht überstanden.

Nach Jahren der bürgerlichen Selbstzucht produzierte ich endlich wieder Kunst. Die ich im Herbst des Jahres gemeinsam mit einer Freundin in einer Projektraum-Galerie in Neukölln ausstellte. Außerdem schrieb ich in jeder freien Minute. Am Ende des Jahres war ein Stapel Erzählungen/Kurzgeschichten fertig. Ich hatte keine Kraft mehr, um einen Verlag zu suchen. Kannte mich in der Branche auch gar nicht aus. Obwohl ich immer eine unersättliche Leserin gewesen war, auf Verlagsnamen hatte ich nie geachtet. Schickte Exposé und Leseprobe an zwei Konzernverlage. Wartete aber nicht auf Antwort, die sowieso nicht kam, sondern las mich ein, in die Kunst der Verlagsgründung. Die ich zum 01.01. 2017 kurzerhand vornahm.
Vor zehn Jahren begann damit mein Weg in der Literatur- und Buchbranche. Völlig ahnungslos. Naiv und idealistisch. Und das war gut so. Der Burnout half mir verrückterweise dabei.
2016 besuchte ich in Berlin auch zum ersten Mal eine Lesung. Lesungen waren für mich bis dahin Veranstaltungen für verklemmte Rotweintrinker:innen gewesen. Mir war gar nicht klar, wie viel Weißweinschorle dort ausgeschenkt wird. Diese erste Lesung in Berlin (Lesungen waren nicht per se Neuland) war eine szenische. Ein Format, das mir gut gefiel. Bisher war ich vor allem Theatergängerin gewesen. Dass es da allerlei Formate „dazwischen“ gab, wurde mir erstmals bewusst.
Meine Forschung zu Annot Jacobi habe ich trotz der Abkehr von einer wissenschaftlichen Karriere nie aufgegeben. Nach 10 Jahren ist sie nun vorerst abgeschlossen, eine Biographie ist geschrieben. Alles Berufliche seit 2016 lässt sich insgesamt auf den Nenner „Schreiben“ bringen. Meine Entscheidung dafür hat mich in das Universum einer ungeahnten Bibliodiversität geführt. Heute weiß ich nicht mehr, wie ich ohne leben konnte. (Konnte ich ja auch gar nicht mehr.) Diesen Reichtum zu kommunizieren, zu verbreiten, auch zu schützen, ist mir ein Anliegen geworden. (Ein Mittel ist hier auch der Podcast beans & books)
Tun zu können, was man will, frei zu sein, frei seine Meinung zu sagen, was ein Privileg. Ich habe mir vorgenommen, das in diesem Jahr darum noch bewusster zu tun. 2016 mag Prä-Trump gewesen sein, aber der Abgrund kündigte sich schon an. Vielleicht kann 2026 der erste entschiedene Schritt in eine neue Richtung werden. Keine Lust hier ein Fragezeichen zu setzen. Das mit der Banalität des Bösen ist klar. Auch das mit der Rückengymnastik nach zu viel Sesshaftigkeit…
Wie auf den Umwegen durchs Leben das Bild vollständiger wird. Ich habe große Lust das im positivsten Sinne auf die globale Umbruchssituation anzuwenden. Wahrscheinlich sollte ich darüber schreiben.





USA 2016. Dieter Roth im MoMA. Posing mit Pepsi und ohne. Feuer machen.
