Normandie – Teil 1

Nach der Hochzeit meines Bruders ins Reims brechen wir auf in die Normandie. Der Katholizismus und die ausgiebige kirchliche Zeremonie haben mir klar gemacht, warum die Filme um „Monsieur Claude und seine Töchter“ in Frankreich einen Nerv treffen. – Reims ist eine Perle von Stadt. Die kunsthistorischen Aspekte der Kathedrale begeistern mich: die Kirchenfenster von Imi Knoebel (mega!) und Chagall, der lächelnde Engel im Gewände der Westfassade, der Gelassenheit verbreitet und auch ein wenig Comic Relief in all dem Belief. Beim Verdauen von Shrimspshäppchen mit Champagner und dem Vertilgen von veggie Burgern mit Apfelsaft lässt es sich nach dem Fest und vor dem Aufbruch in alle Himmelsrichtungen über deutsch-französische Beziehungen reflektieren. Allein die eigene Familiengeschichte bietet Anlass: die nach Berlin geflüchteten Hugenotten, die sich dort mit Preußen paarten. Wobei wirklich ernste Fragen zu Religion und Politik dann doch eingespeichelt und mehr oder weniger verbissen heruntergeschluckt werden. Völkerverständigung erfordert einfach einen Tisch, auf den, trotz der Anzahl der Ellbogen, jeder zugreifen kann. Obwohl mir das Ritual des Porzellan Zerschlagens wichtig für eine gemeinsame Zukunft erscheint.

Die Normandie, die wir von Paris aus in einem gemieteten (immerhin) Hybrid erreichen, ist ein herber Kontrast zur lieblich-südlichen Krönungsstadt. Zumindest was die Temperaturen betrifft. Die Städtchen entlang der Küste sind Puppenstuben: Häuschen und Villen, normannisches Fachwerk, heller Kalkstein, in der Regel der Luftkur gewidmet, häufig um ein Casino geschart, ein Grand Hotel, ein Karussell mit Pferden und Kutschen für Kinder mit weißen Kragen, einer von Cafés, Boulangerien, Restos mit Moules-frites im Angebot, exklusiven Modeläden, Souvenirshops und Apotheken für die unzähligen Renter:innen geprägten Einkaufsmeile, Trabrennbahn und Golfplatz anbei. Kurz: nicht meine Welt. Auch nicht die Welt vieler Französinnen, wie wir auf der Reise immer wieder feststellen, denn die Schere geht en France arg auseinander. Es ist eine trügerische Welt, die man hier an der Küste aufführt, oder aufzuführen versucht, in deren Fußspuren man steigen möchte, längst versunken, diese sogenannte Belle Époque, wobei sich mir das „Belle“ nicht so richtig erklärt, mehr eine Verklärung scheint. Dieses Luftkurprinzip an der See, das sich überall ähnelt, geprägt von diesem morbiden Hauch, von blassen Asthmatikern, Schwindsüchtigen, Süchtigen, Sehnsuchtsleichen, Leichtsinnigen, Glückspieler:innen, Damen mit Hündchen, arroganten Teegesellschaften, Schritte verschluckenden Teppichen auf Hotelfluren, Gezeiten, Sonnenschirmen, Spitzen besetzten Handschuhen, Promenaden, auf denen flaniert wird bis einem die Luft wegbleibt oder die Post kommt oder der Winter – oder die Google Fit App anzeigt, dass man genug Schritte unternommen hat, heute.

Den Jugendstilvogelbauer dieser Romanwelt romantisierend, kleiden sich viele Badegäste denn auch aujourd’hui in weiß, blau, rot, oft gestreift, kurz: im Matrosenlook, den Stil der letzten Jahrhundertwende zitierend, vielleicht auf der Suche nach dieser verloren gegangenen Zeit, die niemals existierte, zumindest nicht wie in der Vorstellung, nach irgendeiner Zeit, die irgendwann über die Brüstung einer Promenade in die Strömung kippte, plötzlich in einer weißlackierten Umkleidekabine am Strand verschwand.

Ich bestaune diese Inszenierung, die sich darbietet, die suchend Ergrauten, die sich in ihren persönlichen Erzählungen verlieren oder verlieren möchten, oder in etwas verstricken, das an Handlung grenzt, bevor sich die allgegenwärtige Bodenlosigkeit öffnet – genau wie wir uns verlieren wollen – Fragezeichen? Sicher ein Stück weit, den Alltag wegflanieren, auf andere Gedanken kommen, während der Nachsaison, die Raum lässt, Leerstellen bietet.

Dass wir am Strand von Cabourg gelandet sind, ist Zufall. Nur hier war eine familienfreundliche Ferienwohnung in erster Reihe mit Meerblick und Balkon zu ergattern. Erst beim Buchen stellte ich fest, dass Marcel Proust seit seiner Jugend ins Grand Hotel vor Ort reiste und sich da maßgeblich beim Schreiben des zweiten Bands seines Jahrhundertwerks inspirieren ließ. Mich hat Proust nie interessiert. Erst Airbnb treibt mich vor Reiseantritt ins Antiquariat. Und das Erinnern, das mich mit fortschreitendem Alter zunehmend interessiert.

Fans aus aller Welt schlendern in Cabourg täglich durch die Kulissen. Lesen die Infotafeln und die an Litfaßsäulen installierten Proust-Zitate entlang der Promenade, besuchen die Villa du temps retrouvé, ein eigens eingerichtetes Museum. Wir schließen uns den Pilgernden als Entdecker:innen an.

Genauso wie wir die Küste hoch bis zu den berühmten Kreidefelsen von Étretat erkunden und uns an die Landungsstrände der Alliierten begeben. Die Normandie ist reich an Sehenswürdigkeiten – dabei erweisen sich manche für uns als würdiger. Das von Touristen und überfüllten Parkplätzen bis an die Gurgel vollgestopfte Nest Étretat, wo Bräute mit ausladenden Reifröcken sich für die besten Fotos an den bröckelnden Rändern der kreidebleichen Felsen drängeln (die live relativ niedrig und unspektakulär, vielleicht auch einfach abgenutzt wirken) das Aufheben von Kieseln am Steinstrand verboten ist, da sonst vermutlich kein Steinstrand mehr vorhanden, und auf alle Einwohnenden pro Kopf so viele Tourist:innen kommen, dass praktisch jedes niedliche Steinhäuschen ein bis zum Bersten zugestopftes Restaurant mit sich gegenseitig zu übertrumpfend suchenden Menüangeboten beherbergt, deren Qualität allein anhand der schreienden Werbebanner angezweifelt werden muss.

Wir sind erleichtert, dass wir uns für eine Homebase an den südlich gelegeneren, weiten Stränden entschieden haben, an denen sich beim Erleben der Gezeiten und dem Farbspiel der Sonne leicht begreifen lässt, weshalb es die Impressionisten in diese Gegend zog, der Impressionismus hier bzw. an der beeindruckenden Seine-Mündung bei Honfleur/ Le Havre entstand. Der in Honfleur geborene Maler Eugène Boudin wurde hier zu einer Malweise inspiriert, die er Kollegen wie Monet vermittelte – dessen Gemälde „Impression, Soleil levant“ (Impression, aufgehende Sonne“), das einen Sonnenaufgang im Hafen von Le Havre bei Flut zeigt, durch die Verspottung von Titel und Werk seitens der Kunstkritik zum Namen der neuen Stilrichtung wurde. Von wegen: Oho, eine Impression! Diese Schmierer:innen von Impressionisten!

Wir besuchen Deauville (wo Boudin übrigens verstarb), angeblich das eleganteste Seebad der Region, und wo gerade das jährliche amerikanische Filmfestival stattfindet. Am schier endlosen weißen Sandstrand (der so breit ist wie andere Strände lang sind und so lang, dass er in den benachbarten übergeht, der dann praktisch wieder in den benachbarten übergeht usw. usw.) liegt der dortige „Walk of Fame“. Statt Sternen auf dem Boden gibt es hier Filmstars gewidmete Badehäuschen entlang denen man über eine hölzerne Promenade schlendern und erlesen kann, welche Stars die Stadt bereits zum Filmfestival beehrt haben. Auf der Promenade tummeln sich an diesem Tag vor allem Teilnehmer:innen und Besucher:innen des Filmfestivals sowie Kamerateams, die irgendwelche Interviews mit irgendwelchen Menschen führen, die man vlt. kennen könnte, vlt aber auch eher nicht. Wir passen auf kuriose Weise ins Bild, weil mein Mann und sein Kollege vor einigen Jahren für ein animiertes Video im Bereich Tourismus mal einen Award in Deauville gewonnen haben (aber keine Zeit hatten, hinzufahren). Zugegeben: Deauville ist auch nicht Cannes. Wirklich nicht. Wobei das Protzen mit Villen und Yachten auch hier heimisch. Und doch: Im viel gepriesenen Yachthafen liegt nichts Beeindruckendes vor Anker und hübsch ist er schon gar nicht, wofür sicherlich auch der Betonk(l)otz von Casino verantwortlich zeichnet, das sich malerisch hügelanwärts erstreckende Trouville-sur-Mer auf der anderen Hafenseite jedenfalls ganz sicher nicht. Und was die Villen anbelangt: viele Villen stehen zum Verkauf, sind baufällig oder sogar verlassen. In der polierten Innenstadt: nur Designerläden mit vergoldeten Socken, die einen unangenehmen Kontrast zum weitläufigen Strand bilden. Magersüchtige Rentner:innen mit teuren Uhren in den Cafés, Yuppies mit frisierten Hunden, dazwischen manch kratzbürstige Einheimische, die überhaupt nicht wohlhabend aussehen, ebenso wie zahlreiche der offenkundigen Filmfans und Filmschaffenden mit VIP-Ausweisen, die entlang der Promenade Sandwiches kauen oder die Parkuhren ihrer Wohnmobile verlängern. Da passt vieles nicht ins Bild, das man sich machen soll. Einen nicht unbeträchtlichen Teil unserer Zeit in Deauville verbringen wir auf einem Spielplatz am Meer. Der mit seinem Schiff, seinem Aussichtsturm, seiner mit Vogelkot gespickten Rutsche und seiner ausgeleierten Wippe irgendwie eine Allegorie auf diesen Ort bildet – vlt. auch auf alle Orte dieser Welt.